Samstag, Mai 05, 2007

Mut tu lesen

In einem Beitrag über die verschiedenen Verwendungen des Begriffes "Mut" schreibt der Zwiebelfisch unter anderem:

"Extrovertierte Affektbegriffe sind meist maskulin, introvertierte meist feminin", heißt es in einem Grammatikwerk. [...] Hochmut, Übermut und Wagemut werden als extrovertiert und männlich empfunden, Sanftmut, Wehmut und Schwermut als weiblich-introvertiert. Ob das noch zeitgemäß ist? Wenn ich drüber nachdenke, fallen mir mehr wehmütige Männer als Frauen ein, und die Zahl der edelmütigen Frauen in meinem Bekanntenkreis ist nicht kleiner als die der edelmütigen Männer."

Und der Zwiebelfisch wundert sich:

"Viel rätselhafter aber ist für mich die Tatsache, dass eine derart feine Unterscheidung wie die zwischen extrovertierten und introvertierten Affekten bereits in früheren Jahrhunderten ihren Niederschlag in der Grammatik finden konnte. Woher nahmen die Menschen zu jener Zeit, als Wörter wie Hochmut, Kleinmut, Langmut und Großmut entstanden, jenes hoch entwickelte Sprachgefühl, das es ihnen erlaubte, zwischen nach innen und nach außen gewandten Eigenschaften zu unterscheiden? Heute kann zwar fast jeder Deutsche irgendwie lesen und schreiben, und jeder Zweite war auch schon mal im Fernsehen oder im Radio, aber nur die wenigsten sind in der Lage, ihre Gemütszustände zu beschreiben, geschweige denn, ihnen eine grammatische Qualität zuzuweisen."

Hmm - ich finde das NICHT rätselhaft. Gerade in einer Zeit, in der diese Begriffe entstanden sind, ist es doch klar, dass
a) ein Bedürfnis für die Schaffung dieser Begriffe bestand und
b) auch ein entsprechendes Sprachgefühl vorhanden war, denn
c) sonst hätten sich diese Unterscheidungen doch gar nicht entwickelt.

Es erscheint mir plausibel, dass Menschen in einer Zeit des Analphabetismus sich besonders differenziert in dem einzigen Medium ausgedrückt haben, das ihnen zur Verfügung stand: Der Sprache.

Oder?

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